Einen Schlafenden kann man
mit einem Klopfen wecken
Wehe dem Wachen
!Der sich schlafend stellte
■
Azizullah Ima
Aus dem Persisch non Sarah Rauchfuss*
Einen Schlafenden kann man
mit einem Klopfen wecken
Wehe dem Wachen
!Der sich schlafend stellte
■
Azizullah Ima
Aus dem Persisch non Sarah Rauchfuss*
Zugeschneit des Fischers Fenster
Eisverschlossen liegt der Fluss
Frohe Fische drin
■
Azizullah Ima
Der Mensch
stirbt nicht an schmerzen
Die Toten
.empfinden keinen Schmerz
■
Azizullah Ima
Zum Tempel
ist es von hier nicht weit
Komm, werfen wir uns voreinander nieder
■
Azizullah Ima
Alle Gassen lief ich ab
Dich fand ich nicht
.weinend kehrte ich zurück
■
Azizullah Ima
Mein Herz
Ähnelt einem Vogel,
Auf einem Berggipfel,
Der auf die Schneeschmelze wartet
Um
Sein Nest
Wieder zu finden.
Oh weh!
Die Berggipfel
Sind immer voller Schnee.
■
Sind Wir imstande?
Du und ich sind in einer Stadt
Oder am selben Ort
Oder vielleicht
Näher
Oh mein Freund!
Sind wir imstande
Zwischen all dem Staub und Nebel
Einander zu finden
Und mit einem Handschlag
Neue Wege zu eröffnen?
■
Azizullah Ima
Azizullah Ima
Übersetzung: Aus dem Persisch von Sarah Rauchfuß
Wenn der Wind dein Haar verweht
trotz Gottes Verbot – was will man tun?
In Kabuls Straßen vermisst man das Liebesgeflüster,
und es singt auch niemand mehr des Nachts.
Ich spreche vom Hier und Jetzt,
Für dich gibt es nur Dort und Damals!
Die Kommandos turbanumhüllter Köpfe,
der Hall von Peitschenknall und Schuss,
von Wirrwarr, gemurmelten Versen, und Stuss,
tragen die Klagelaute
in Schreckensträume unter fernen Dächern.
All die ungemalten Bilder unserer Schreie,
festgenagelt
hinter geschlossenen Fenstern.
Ich spreche vom Hier und Jetzt,
Für dich gibt es nur Dort und Damals!
Siebzehnjährige Jungen
Glaubten an Rettungsaktionen wie bei James Bond,
Ihre letzten Schreie vertrauten sie
unter den Flügeln militärischer Rettungsflugzeuge
dem Sturm an.
All die ungemalten Bilder unserer Schreie,
blutige Fetzen wund geschriener Kehlen
in den Gebirgszügen jenseits von Khwaja Rawash.[1]
Ich spreche vom Hier und Jetzt,
Für dich gibt es nur Dort und Damals!
Die Grenzen erbeben
unter den Füßen jener, die Schutz suchen vor dem Terror der Nacht,
Und die Kugeln
ziehen inmitten des Tumults der Verzweifelten
eine neue Grenze.
Ein Vater fällt,
Eine Mutter sackt zusammen,
Kinder wimmern.
All die ungemalten Bilder unserer Schreie,
verlorene Sterne
in dunkelster Nacht.
Ich spreche vom Hier und Jetzt,
Für dich gibt es nur Dort und Damals!
Alle direkten Wege
Nichts als Trugbilder, die Suchenden zu verwirren
In einer Welt, in der
Die „rechten Wege“
Noch nie zur Wahrheit führten.
Die Uhren der Welt standen still,
und die Zeitungen berichteten nichts
an diesem dunkelsten aller Tage,
Als eine Frau in den alten Gassen Kabuls skandierte:
„Not und Elend über jene, die Not und Elend brachten!“
Als ein Mann
die Überreste seiner Kinder
In den Wasserrinnen nahe dem Flugfeld suchte[2]
Und Biden eine Trauerrede hielt
für die letzten Soldaten, die hier ihr Leben ließen, in einem Krieg von zwei Jahrzehnten,
ohne Sinn.
Ich spreche vom Hier und Jetzt,
Für dich gibt es nur Dort und Damals!
In Decken gewickelte Körper,
Frauen, die aus ihren Stoffkäfigen starren,
herumirrende Schatten,
fürchten die Regierung eines Gottes, der dem Sterben zusieht, ohne Partei zu ergreifen,
Ein Gott, der das fortwährende Bitten und Flehen von Kindern in blutgetränkten Gräben
ohne Antwort lässt.
Ich spreche vom Hier und Jetzt,
Für dich gibt es nur Dort und Damals!
Sieh den Sondergesandten der Yankees mit seinem afghanischen Stammbaum![3]
Wie aus einem Munde
lacht er mit dem Glaubensführer, dieser Marionette[4],
über die Katastrophe,
bis verwundete Friedenstauben
in die blutige Falle flattern, die Asiens Herz heute ist.[5]
Das Land der Verlierer ist von „Allahu-Akbar“-Gebrüll erfüllt,
Und die Hunde sind immer noch satt vom Blut frisch in den Staub gesunkener Leichen.
All die ungemalten Bilder unserer Schreie,
Trauerinschriften auf Blättern ungebeugter Bäume
inmitten der Stürme.
Wo sind Sie, werter Herr?
Wo sind Sie, werte Dame?
Aus den Lautsprechern des Palasts, dessen erstes Paar Sie waren,
dringt der Gestank der Schamlosigkeit Ihrer Lügen,
übertrifft den Schmutz jener noch, die Sie beerben.
Ich bin all die Dichterfürsten leid,
Ich bin all die Münder leid, die aufgerissen werden, je nach Größe der Prämie
für einen Lobgesang auf Leute wie Sie!
John Kerrys Republik wurde mit nur einer Stimme gewonnen,
und die während der Wahl abgehackten Finger
hielt man für das einzige Problem der afghanischen Demokratie.[6]
Ich bin mit den Geschichten über falsche Erlöser groß geworden.
In den Erzählungen meiner Mutter verteilen sie frittiertes Gebäck,
Und ihr Kot besteht aus essbaren Kugeln,
mit denen sie den Zug der Hungrigen hinter sich her locken
Ich spreche vom Hier und Jetzt,
Für dich gibt es nur Dort und Damals!
Kabul sagt der Freiheit Lebewohl –
„Adieu, Kabul!“
Ich kann meine Kleider nicht mitnehmen,
Sie riechen nach Heimat,
riechen nach der Mutter.
Ich kann meine Kleider nicht mitnehmen,
Mein Bündel ist schon schwer
vom Kummer der Freiheit.
Ich kann meine Kleider nicht mitnehmen,
Sie riechen nach den Wunden meines Geburtsortes.
Ach, standhafter Hindukusch!
Ich kann meine Kleider nicht mitnehmen,
Meinen Füßen fehlt die Kraft zum Gehen,
Traurige Sperlinge
verlernen das Fliegen.
All die ungemalten Bilder unserer Schreie,
bittere Lieder des schwersten Exils.
[1] Khwaja Rawash ist der inoffizielle, in der Bevölkerung Afghanistans gebräuchliche Name für den Hauptstadtflughafen Afghanistans, nach dem Stadtbezirk Khwaja Rawash, in dem sich der Flughafen befindet. [A.d.Ü.]
[2] Eine Anspielung auf den Selbstmordanschlag eines islamistischen Terroristen inmitten einer Menschenmenge nahe der Wasserkanäle, die sich neben dem Flugfeld des Kabuler Flughafens befinden. [A.d.A.]
[3] Gemeint ist Zalmay Khalilzad, der Friedensbotschafter der USA, der in Qatar das Friedensabkommen mit den Taliban in die Wege leitete. [A.d.A.]
[4] Bei der Bestimmung des Emirs und Anführers der Taliban, die in Quetta (Pakistan) stattfand, war die pakistanische Armee involviert. [A.d.A.]
[5] Ein Ausdruck des Dichters und Philosophen Iqbal Lahori, der Afghanistan einst „das Herz Asiens“ nannte. [A.d.A.]
[6] Anspielung auf die Wahlen 2014 in Afghanistan, bei denen es massive Unstimmigkeiten gab. Die Taliban boykottierten die Wahl damals und schnitten die Finger derjenigen ab, die sich an den Wahlen beteiligten. Am Ende wurde Ashraf Ghani, mit der Unterstützung des US-Sondergesandten John Kerry, ohne ernsthafte Untersuchung des Wahlvorgangs zum Gewinner der Wahl erklärt. [A.d.A]
*Weiter Schreiben Schweiz
Eine Kurzgeschichte von Azizullah Ima
Niemand hatte damit gerechnet, dass jemand in diesem Abenddunst die Brücke überqueren würde. Er hatte auf der anderen Seite noch keinen Fuß auf den Boden gesetzt, da erschoss man ihn schon.
Vom Fenster her wehte der Wind den Klang von Erinnerungen heran, den Klang der Stimme Parimahs, wie sie, dasHaar in ein grünes Tuch geschlungen, damals unter den Bäumen gesessen und erzählt hatte:
„Vor vielen Jahren brachten sie Faramarz eines Nachts blutüberströmt zu uns nach Hause. Mit einem glühenden Messer holte mein Vater die Kugel aus seinem Arm. Meine Mutter, die entfernt mit Faramarz verwandt war, weinte. Ich blieb die ganze Nacht über wach. Irgendwann waren auch meine Eltern eingeschlafen und niemand außer mir hörte ihn, als Faramarz mitten in der Nacht rief. Er rief nach Wasser. Ich brachte ihm einen Krug und als ich ihn berührte, richtete er sich auf. Vor ihm brannte ein helles Lämpchen. Ich reichte ihm das Wasser. Meine Hände hatten sich noch nicht wieder von dem Krug getrennt, da umschloss Faramarz ihn schon fest mit seinen großen Händen. Die Hitze dieser Hände durchzog meinen Körper von Kopf bis Fuß. Mir wurde warm ums Herz. Faramarz leerte den Krug und hielt ihn mir wieder hin. Dieses Mal berührte ich seine Hand mit meinen beiden Händen. Faramarz drückte die linke vorsichtig und hob sie zu seinen Lippen. Auf meinem Handrücken konnte ich seinen Atem fühlen, dann ließ er die Hand wieder los. Seinen Blick heftete er jetzt auf den Teppich, ganz so als würde die Scham, die er angesichts dieses jähen Kusses empfand, auf diese Weise aus seinen Augen und zu Boden fallen.*
Mit dem leeren Krug ging ich zu meinem Bett zurück. Die Nacht war von einer solchen Ruhe, das mir war, als sei mein Herz das einzige Lebewesen, das noch rege war, in der Stille der Dunkelheit. Der Schlaf trug mich fort, ein friedlicher Schlaf.
In den frühen Morgenstunden vermochte selbst der Lärm der Vögel vor dem Fenster diesen Schlaf nicht zu stören. Ich hatte die Augen gerade erst aufgeschlagen, da hörte ich schon die Stimme meines Vaters – Faramarz habe die Grenze bereits passiert.
Ich stand auf. Alles erschien mir mit einem Mal unbeseelt. Die Wände, die Stimme meines Vaters, sogar der Blick meiner Mutter.
Er war fort. Der verwundete Vogel war weitergeflattert und hatte einen anderen verletzt im Käfig zurückgelassen. Mutter raffte Faramarz Schlaflager zusammen. Seine Lampe brannte noch, inmitten des Sonnenlichts.
Mutter sagte mir, ich solle das Licht löschen. Ich löschte das Licht. In meinem Herzen loderte ein pulsierendes Feuer auf.“
Später las ich Parimah eine meiner Erzählungen vor. „Ich wünsche, du würdest eines Tages auch meine Geschichte aufschreiben“, sagte sie darauf, lachte und fuhr fort:
„Weißt du … ein Jahr, nachdem Faramarz mir begegnet war, galoppierte dort auf der Höhe der großen und massiven Silberpappel ein Reiter an mir vorüber. Der Reiter ließ sein Pferd noch ein Stück weiterlaufen, bevor er es wendete. Er blieb vor mir stehen und stieg von seinem Pferd. Ohne aufzusehen wollte ich schon gehen, als ich die Stimme hörte, Faramarz Stimme!
…
Damals gab er mir ein grünes Tuch.“
Zwei der Seiten des Dorfes sind von Bergen umgeben – der Ausläufer des Friedhofs, der dem Sonnenaufgang zugewandt ist und die östliche Seite. Man erzählt sich, jenseits der Berge lebten Menschen, die eine andere Religion hätten. Auf der dritten Seite liegt der Fluss, auf der vierten ein Wald. Jenseits des Flusses leben Menschen, die einen der ältesten Dialekte sprechen und jenseits des Waldes sprechen die Menschen eine andere Sprache.
Inmitten der Masse an Gräbern, hatten unter denen, die hier ruhten, bis auf wenige, die eines natürlichen Todes gestorben oder bei Überfällen fremder Soldaten ums Leben gekommen waren, alle Menschen ihren Tod selbsterrichteten Grenzen und Mauern zu verdanken.
An jenem Tag, ich hatte mich mit Parimah in den frühen Morgenstunden in einen entlegenen Winkel zurückgezogen, erinnerte sie sich, wie sie in der kalten Jahreszeit, wenn das Wasser niedrig stand, einmal einen Mann den Fluss hatte überqueren sehen, der Faramarz hätte sein können.
Auf beiden Seiten der einmal gezogenen Linien ließ man die Waffen bis zum Sonnenuntergang ruhen. Noch bevor die Sonne ihren hellen Saum von den trockenen Feldern aufgelesen hatte, las ich Parimah das Gedicht „Das grüne Tuch“ vor. Ich hatte es, inspiriert durch ihre Erzählungen und unsere Freundschaft, gerade erst verfasst:
Unter den Bäumen des kleinen Dorfes
Hört man den alten Holzfäller ächzen
Ein junges Mädchen
Zieht an dem Vorhang, unter dem Vorwand
Bloß über den alten Vater zu wachen
Öffnet das Fenster, versunken im Anblick
eines Vorüberziehenden, dessen Gestalt
Der des verschollenen Liebhabers ähnelt
Und sie erinnert den Tag
unter der Silberpappel, da
er ihr gesagt
„Dies grüne Tuch trag
mir zur Erinnerung“
Heute
Nach so vielen Jahren
Da jener Mann mit seinem Gewehr
Die Brücke passierte und sie verließ
Trägt das Mädchen, wie er ihr gesagt
Ein grünes Tuch
Wehend über weißen Haaren
Parimah hörte das Gedicht aufmerksam an und mit der letzten Zeile wurde die Trauer in ihrem Blick ihr Träne für Träne aus den Augen gespült.
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*Eine Scham, der eine Sitte zugrunde liegt, nach der es sich nicht gehört, sich in ein Mädchen zu verlieben, dessen Familie einem Schutz und Hilfe gewährt hat. Anmerkung des Autors.
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Aus dem Persischen von Sarah Rauchfuß
در کشتزارِ تریاک
آرامش
رؤیای افیونیست،
بانگِ غریقی
با دستِ بلندِ دعا.
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عزیزالله ایما
*کشتزار تریاک – سرزمین اشغالشده.
زیرِ درختِ آلوبالو
چندتا برگِ زرد،
من و نامههای قطره قطره سرخِ تابستان.
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عزیزالله ایما